St. Petri Kirche

Zu den Anfängen
Die Anfänge der alten Emmerstedter Kirche liegen tatsächlich im Dunkeln.
Seit Jahrhunderten stand auf dem Emmerstedter Kirchberg eine alte, kleine, niedrige und dunkle Sankt Petri Kirche. Der Gesamteindruck der Kirche, die nur über eine Fensterreihe auf der Südseite verfügte, muss dumpf und bedrückend gewesen sein.

Seit 1547 wird St. Petri von St. Stephanie aus mit betreut.

Am 18. Juli 1586 verfügt Herzog Julius, dass zukünftig Emmerstedt von St. Marienberg aus mit verwaltet wird.

Es folgt 1624 die Erneuerung der Kanzel und um 1650 die Erweiterung des Kirchenschiffes. 

Im Jahre 1702 sind zwei Glocken erwähnt, wobei die kleinere der beiden in Braunschweig umgegossen wird, im Jahre 1766 erwähnt der Corpus Bonorum zwei Glocken der Kirche. Diese werden 1793 beide erneut umgegossen.

1805 wird erstmals eine Orgel mit sieben Registern auf der Empore vor der Turmwand aufgestellt.

Am 4. August 1836 erfolgt die feierliche Grundsteinlegung für einen neuen Kirchbau. Letztlich aufgrund großen Engagements der beiden Kirchenvorsteher und Pastor Heinrich Andreas Roßmanns (seit 1832 im Amt) und nach etlichen Rückschlägen.

Am 29. Oktober 1837 erfolgte die stolze Einweihung der neuen Kirche (Kosten: 3492 Taler). 

1887 Aufstockung des Turmes um circa 5 m mit neuer Turmspitze.

1917 Beschlagnahme der großen Glocke (605 kg) und Prospektpfeifen der Kirchenorgel (54 kg).

1923 Weihe der neuen Stahlglocken, die verbliebene kleine Bronzeglocke wird nach Söllingen verkauft.

1954 Restaurierung des Kircheninnenraumes.

1956 die Orgel erhält ein elektrisches Gebläse.

1981ff. Kirchenrenovierung. Die Emporen werden entfernt, 1982 folgen Putz- und Isolierarbeiten, im Frühjahr 1983 werden die Gas-Warmluftheizung eingebaut und die Kirchenbänke entfernt und im Sommer 1983 der Fußboden aufgenommen und ein Schornstein für die Heizung errichtet.

1990 „Der Emmerstedter Kreuzweg“ von Otto Pietzak (21.04.1924-14.09.1989) wird in Sankt Petri Emmerstedt angebracht. Er besteht aus 14 Bildern des Künstlers entstanden in seinem Todesjahr 1989.

2011 Weihe zweier neuen Bronzeglocken im Rahmen eines Festgottesdienstes am 13. Juni 2011 mit Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber.

2018/19 Sanierung von Turmmauerwerk, Turmhaube und Kirchdach. Abschluss mit einem Festgottesdienst mit Kirchweihe am 27. Oktober 2019 mit Landesbischof Dr. Christoph Meyns.

1831

Bericht des Pastors Vibrans (20.04.1831)
- soll in den Registraturschrank gelegt worden sein, war im Original nicht mehr dabei, dafür die
4 Centime Münzen

1859

Bericht von Pastor Heinrich Ernst Friedrich du Roi (8.10.1859),
der den Bericht von 1831 kurz mit zusammenfasst – Aufsetzen am 10.10.1859.

Beilagen: 1 Groschen und ½ Groschen (nicht mehr dabei)

Aufgesetzt am 11ten Oct[o]br[is] 1859 J. Krumsiek

Dem zeitigen Prediger zu Marienberg und Emmerstedt

Im Namen

Der hochgelobten Dreieinigkeit, Gottes des Vaters, Gottes des Sohnes und Gottes des heiligen Geistes. Amen.

Im Jahre des Heils Ein tausend acht hundert neun und fünfzig im Monate September ist der Knopf von diesem Thurm genommen, desgleichen auch die Fahne, worin ein Bild St. Petri mit dem Schlüssel. Die Kirche führt von Alters her den Namen des heiligen Apostels Petrus. Die Veranlassung zur Abnahme der Fahne und des Knopfes war nicht dieselbe, wie im Jahre des Herrn 1831. In jenem Jahre wurden dieselben abgenommen, weil die hölzerne Hebestange fast gänzlich abgefault war. Ein Dachdeckergesell ist damals in Lebensgefahr gewesen, der allmächtige Gott hat aber sein Leben durch seine Engel behütet. Nachdem damals eine neue Helmstange von dem nun verstorbenen Zimmermeister Daniel Niemann angefertigt und das Eisenwerk von dem noch lebenden Schmiedemeister Johann Friedr. Christian Lüders gemacht ist, ist der Knopf mit Fahne am 20ten April 1831 wieder aufgesetzt, wobei Gott die Handwerker gnädig behütet hat. Knopf und Fahne sind damals aber in demselben Zustande wieder aufgesetzt, in welchem sie abgenommen waren. Da nun von Glanz und Vergoldung in letzter Zeit nichts mehr zu sehen war, ein Thurm aber auf den Glanz des dreieinigen Gottes im Himmel und auf die Herrlichkeit der triumphi[e]renden Kirche hinweisen soll, so erschien es mir und den Mitgliedern des Kirchenvorstandes angemessen zu sein, auf eine Reparatur und neue Vergoldung des Knopfes und der Fahne bei unserm herzoglichen Consistorium in Wolfenbüttel anzutragen. Unser Antrag ist auch genehmigt worden und sind die Kosten für Vergoldung des Knopfes und der Fahne von dem Maler Röber in Helmstedt zu 15 Thaler, die Kosten für Abnehmen und Aufsetzen und für Reparaturen von dem Schieferdeckermeister Julius Krumsiek in Helmstedt zu 11 Th[aller] 7 G[roschen] 2 D[enare] angesetzt. Diese Kosten sollen aus hiesiger Kirchencasse bestritten werden. Zum Aufsetzen des neu vergoldeten Knopfes und der vergoldeten Fahne ist der nächste Montag, den 10te October, bestimmt wurden. So Gott will und wir leben, soll es dann geschehen, darnach auch in der Kirche den versammelten Gemeindegenossen ein Wort aus dem 2ten Briefe St. Petri, von mir vorgelesen und ausgelegt werden, nämlich 2 Petri III, v. 1 -14, auch soll „Wie groß ist des Allmächtgen Güte“ und „Nun danket alle Gott“ gesungen werden.

Deus triunus nos adjuvet!

Amen.

Der im Jahre 1831 hier angestellt gewesene Prediger Carl Theodor Christoph Vibrans (gestorben zu Helmstedt als zweiter Pastor) hat im Jahre 1831 einige Bogen in den Knopf legen lassen, welche ich in dem Registraturschranke der hiesigen Kirche niederlegen will. Aus denselben füge Folgendes hier bei: Vor der Introduction des jetzigen Schullehrers Friedrich Jenicke, wurde wider den Pastor und sein Vorhaben, dem p. Jenicke die Schullehrerstelle zu verleihen, von einem Theile der Gemeinde „ohne Grund“ conspirirt. „Aber die Wahrheit siegte wider Herthum und Verblendung.“ Der Pastor verzieh jegliche ihm in dieser Angelegenheit zugefügte Kränkung. Er sagt aber, dass seiner Gesundheit durch diese Umtriebe bedeutend geschadet sei. Im Jahre 1830 hat die Pockenseuche in der Gemeinde geherrscht, besonders unter der Jugend. Über eine leere Kirche habe sich der Pastor nicht zu beklagen. Es herrsche Fleiß und Thätigkeit, aber bei Vielen eine zu große Genauigkeit (Geiz). Die Eintracht sei durch den Ankauf des Clereschen Gutes (1830) gestört und sei ein Process anhängig gemacht. Der erwachsenen Jugend fehle Sinn für Keuschheit, Zucht und Ordnung. Erwähnung der Revolution in Paris 1830 gegen Charles X und der in unserer braunschweigischen Residenz gegen den regierenden Herzog Carl (den 6. September 1830). Erwähnung der Fremdherrschaft im hiesigen Lande unter Hieronymus Napoleon, einem Vasallen des Kaisers Napoleon. „Ihr Spitem war, den Völkern das Blut auszusaugen.“ Erwähnung der Befreiung von der Fremdherrschaft. Er läßt 4 Centimenstücke in den Knopf legen.

Hierauf füge ich Einiges aus meiner hiesigen Amtsführung und Erfahrung für die Nachkommen bei. Ich bin am 27sten Julius 1851 als Pastor zu Kloster Marienberg und Emmerstedt von dem Superintendenten Keunecke in Wolsdorf eingeführt. Ich fand in der Gemeinde nicht viel Erfreuliches vor. Durch die rationalistische Lehre war die Gemeinde dem großten Theile nach in Gleichgültigkeit gegen das Christenthum und in Sicherheit verfallen. Jeder hielt sich für einen guten Menschen. Das Kirchengehen war ein opus operatum geworden, durch das Abendmahlgehen meinte man Gottes Huld zu verdienen. Meine Predigten, in welchen ich von Buße und von Nothwendigkeit des Glaubens an Jesum Christum zeugte, fanden heftigen Widerspruch. Es fehlte mir allerdings viel, namentlich Muth, Freudigkeit, Glaube, Liebe; aber die Feindschaft ging doch gegen das Wort Gottes. Da eine große Unwissenheit herrschte und in der Schule die von falscher Lehre volle so genannte kleine Bibel von Ziegenbein und Blank vom Lehrer und von den Kindern gebraucht wurde, so entfernte ich mit Zustimmung des Cantors dieses irrlehrerische Buch und führte den damals noch zu Recht bestehenden Landeskatechismus D. Justi Gesenii Catechismus-Fragen über den kleinen Catechismum D. Martini Lutheri in die Schule und in die Kirche wieder ein. Mein vorgesetzter Superintendent tadelte nach einiger Zeit mündlich gegen mich dieses Verfahren und stellte an mich die Forderung, ich sollte auf Einführung des Pauli’schen Katechismus (welcher der Union zwischen Lutherischen und Reformi[e]rten das Wort redet) in die Schule zu Emmerstedt antragen. Ich erwiederte aber, dass ich solches Gewissens halber nicht thun könne. Im Jahre 1855 erhielt ich unerwartet am Charfreitage ein Schreiben des Superintendenten, in welchem derselbe mir meldete, dass herzogliches Consistorium nicht mehr gestatten wolle, dass in der Schule zu Emmerstedt Gesenii Catechismus-Fragen gebraucht würden. Darauf habe ich dem Consistorium erwiedert, dass ich glaubte, im Rechte gewesen zu sein, als ich die irrlehrerische kleine Bibel aus der Schule entfernt und den Gesenius wieder hergestellt. Das herzogliche Consistorium verfügte aber nicht zu meinen Gunsten, es beauftragte den Generalsuperintendenten Kelbe in Helmstedt, den Kirchen- und Schulvorstand in Emmerstedt in dieser Sache zu vernehmen. Der hat sich der Mehrheit nach für den Gesenius ausgesprochen und der Generalsuperintendent hat dieses berichtet. Dennoch wurde vom Consistorio unterm 29. August 1855 verfügt, ich sollte die genannte kleine Bibel wieder in die Schule zu Emmerstedt einführen. Dagegen musste ich natürlich wegen meiner Verpflichtung auf die symbolischen Bücher unserer lutherischen Kirche remonstriren. Es wurde mir aber im Februar 1856 nochmals unter Androhungen einer Strafe zu 10 [Reichthalern] anbefohlen, die kleine Bibel einzuführen. Ich musste aber es verweigern, das Verlangte zu thun. Inzwischen hatte ich, durch eine briefliche Äußerung des treuen Zeugen in Jerxheim, des nunmehr selig entschlafenen Schullehrers Müller, mich an den Professor Dr. Mejer in Rostock gewandt und denselben gefragt, ob die juristische Facultät mir ein Gutachten ausstellen würde, ob ich in dieser Katechismussache recht hette, oder nicht. Dr. Mejer antwortete sehr freundlich und bejahend, ich sandte ihm oder der juristischen Facultät die nöthigen Materialien aus Kirchenordnung und Schulordnung und dem Rescriptenbuche zu und im März 1856 erhielt ich ein gründliches Gutachten, in welchem nachgewiesen wurde, dass ein lutherischer Pastor im Braunschweigischen, das Recht und die Pflicht habe, den Gesenius’schen Landeskatechismus wiedereinzuführen, wenn er durch andere irrlehrerische Bücher verdrängt sei. Von diesem Gutachten habe ich eine beglaubigte Abschrift an Herzogliches Consistorium gesandt. Auch die theologische Facultät hat mir später ein Gutachten eingesandt, welches dahin lautete, dass der Gesenius’sche Katechismus durchaus bekenntnisgemäß, die kleine Bibel aber bekenntniswidrig sei. Dieses Gutachten habe ich aber nicht dem Consistorio eingesandt. Das herzogliche Consistorium hat darauf dem Staatsministerio die Acten zugesandt und dieses hat, wie mir durch Rescript vom 3. September 1856 angezeigt wurde, in papistischer Weise erklärt, dass ein Pastor nicht das Recht habe, ein von dem Kirchenregimente gebilligtes Religionsbuch für irrlehrerisch zu erklären und außer Gebrauch zu setzen. In demselben Rescripte wurde dann gesagt, dass der Gebrauch des Gesenius in der Schule zu Emmerstedt einstweilen gestattet sein solle, jedoch hätte ich 10 [Reichsthaler] Strafe wegen Ungehorsam einzusenden. Dieses habe ich dann mit Freuden gethan und habe dem Herrn Jesu gedankt, dass er den Sieg in dieser Sache gegeben. Möchte der Katechismus doch in der Gemeinde recht zum Segen gebraucht werden, wie er mir genützt hat! Im vorigen Jahre hat der regierende Herzog Wilhelm einen neuen Landeskatechismus, welcher den Titel führt „Der kleine Katechismus Dr. Martin Luthers in Fragen und Antworten erklärt von H. Fr. Th. L. Ernesti“ einführen lassen. Dieser ist nicht wider die Symbole unserer Kirche und haben wir denselben einführen müssen. Gott helfe dem armen Volke zur Erkenntnis der Wahrheit auch durch dieses Buch!

Der Widerspruch gegen Gottes Wort und Ordnung in der Gemeinde hat sich vor etwa 6 Jahren durch die That darin gezeigt, dass die Wohlhabenderen ein großes Zelt erbauet haben, worin sie im Sommer an den Sonntagen tanzen ließen, auch wo auch die Männer schießen. Ich hatte von der Kanzel vor diesem Unfug gewarnt, aber sie haben dem Teufel mehr Gehör gegeben als dem Herrn. Sodann war es und ist es den Ungläubigen zuwider, dass ich den einen Gottesdienst wieder hergestellt, auch bei der Beichte nach dem Glauben frage, Katechismuslehre regelmäßig hatle. Der Gemeinderath hat sich beim Superintendenten wegen des langen Kirchenhaltens beschwert, es ist aber vom Consistorio gar keine Resolution gekommen. Außerdem hat mich ein unglücklicher Mensch, namens Hahn verklagt beim Superintendenten, weil ich ihn vor der Beichte über seinen Herzenszustand befragte. Derselbe ist denn bisher vom Sacrament und leider auch von der Predigt zurückgeblieben.

Der treue Gott hat mir aber auch Freude gegeben. Der Großkothsass Schünemann wurde in den ersten Jahren meines Hierseins erweckt, eben so der Kothsass und Stellmacher Weine und sie trachten fortwährend nach dem Reiche Gottes, eben so auch der Kothsasse Kirchhoff, der auch gegenwärtig den Pastor fährt. Außer diesen sind noch andere Seelen, die Gottes Wort hören und lernen. Die Kinder in der Schule werden aufgeweckter und der Lehrer erkennt auch das Eine, was noth ist, mehr als früher und folgt mir.

Die schlimmste Sünde ist bei den Erwachsenen der Geiz, bei den Jungen die Unkeuschheit, die durch die Tanzgelage befördert wird.

Lieber Bruder in Christo, wenn du dieses liesest, werde ich schon bei meinem theuersten Erlöser im Himmel sein, denn dahin will ich und sein bitter Leiden und Sterben soll nicht vergeblich an mir sein. Du wirst die Kirche vielleicht in einem blühenderen Zustande finden, aber kämpfen mußt du auch, denn der Satan hat vor dem jüngsten Tage einen großen Zorn. So streite denn ritterlich wider Satan, Welt und Fleisch und weide die Gemeinde Gottes, die Er sich erworben hat durch sein heiliges Wort und achte Menschenlob und Menschentadel für nichts. Der Herr helfe dir und mir und allen, welche Ihn am Wort und Sacrament bis zu dem lieben jüngsten Tage noch dienen sollen, zum festen beständigen Glauben und gebe aus Liebe, brünstige? Liebe zu den armen verlorenen Schafen vom Hause Isreal. „Auf, dass die Hülfe aus Zion käme, und der Herr sein gefangen Volk erlösete!

Und nun richte ich meine Worte an dich, du treuer barmherziger ewiger Gott. Ich bete und schreibe jetzt in meiner stillen friedlichen Stube, die du mir aus Gnaden gegeben und worin du mich behütest durch deinen heiligen Engel, aber ich bitte dich, siehe auch in Gnaden diese Gebete an, wenn sie auf dem Papiere ober auf dem Thurme liegen, ich will mich noch höher schwingen, als der Thurmdieser Kirche ist, bis zu deinem Throne dringe ich und flehe: Barmherziger Gott, Vater unseres Herrn Jesu Christi, siehe gnädig dieses dein Haus an, welches ein Bethaus sein soll für die ganze Gemeinde Emmerstedt, für welche dein lieber Sohn auch gestorben ist. Siehe gnädig diesen Thurm an und des Thurmes Spitze und gebiete den Blitzen, dass sie nicht wieder in den Thurm fahren dürfen, wie vor ein Paar Jahren geschehen. Doch du selbst hast jenen Blitz in den Thurm gesandt; du sahest, wie die Bewohner des Dorfes in Sicherheit waren wegen ihrer Sünden, du sahest, wie sie schliefen den Schlaf, auf weichen die Höllenpein folgt, wenn kein Erwachen kommt, darum hast du aus väterlicher Liebe den Thurm geschlagen und die Orgel, hast aber keinen einzigen Menschen mit deinen Blitzstrahlen in diesen Jahren hier zerschmettert! O du bist ein gütiger, langmüthiger, geduldiger Gott. Du willst nicht den Tod eines einzigen Sünders in diesem Dorfe, du willst vielmehr, dass Jedermann sich zur Buße kehre. Darum bitte ich dich, barmherziger Gott, mache den Donner deines Wortes kräftig in den Ohren deiner Knechte und Mägde. Alle sollten dir ja billig dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit! Aber noch wie Wenige dienen dir, der du die Liebe bist, und wie Viele dienen noch dem Teufel, der nichts weiter will, als die Seelen morden und in sein höllisches Glutreich ziehen. O barmherziger starker Gott siehe darein und gieb dem Seelenhirten und dem Lehrer der Kinder in dieser Gemeinde deinen heiligen Geist und dann erwecke alle Hausväter und alle Hausmütter, dass sie daran denken, zu schaffen ihrer Seelen Seligkeit mit Furcht und Zittern. Herr Jesu Christe, der du bist Gott von Gott und Licht von Licht, der du um unseretwillen von dem hohen Himmelsthrone auf diese arme Erde gekommen bist und hast den schrecklichen Sündenfluch, den wir verdient hatten, auf dich genommen, da du am heiligen Kreuze wurdest ein Fluch für uns, der du bist niedergefahren zur Hölle, der du bist auferstanden von den Todten und gen Himmel gefahren und sitzest nun über uns und über dieser deiner Kirche und über diesem Thurme und regierest alle Dinge, ich armer elender Sünder bitte dich, du wollest gnädig ansehen, dieses dein Gotteshaus, du wollest segnen mit geistlichen Gütern alle Großen und Kleinen, die in diese Kirche gehen und gehen werden. Ich bitte dich, du wollest deinen lieben Vater im Himmel bitten für alle Seelen, die hier wohnen, dass er nicht mehr zürne wegen der früheren Sünden. Ich bitte dich, rühre du allmächtiger Heiland alle Ohren an, die hören deine Glocken zum Gebet und zum Gottesdienst rufen. Tritt den Satan den Lügner und Mörder unter unsen Füße, dass wir dein Eigenthum werden und in deinem Friedensreiche unter deinem Schutze leben. Thue uns auf durch die Schlüssel des Himmelsreiches deinen Himmel, dass wir mit Freuden dich von Angesicht zu Angesicht schauen.

Herr Gott Heiliger Geist, der dur zu mir und zu allen hier gekommen bist in der heiligen Taufe, erleuchte alle Augen, die diese Fahne glänzen sehen, damit wir alle erkennen, dass wir hier nicht bleiben und dass unsere Heimath im Himmel ist. Erwecke alle, welche blos an die irdischen Dinge denken, dass sie erschrecken wegen ihrer Andachtlässigkeit und Unbußfertigkeit. Gieb rechtschaffene Buße in aller Herzen, lass uns unsere Sünden jetzt erkennen und kereuen, damit wir sie nicht zu spät am jüngsten Tage erkennen. Zeige uns unsern Verföhner und Fürsprecher und lass uns nicht verzagen in unserem Elende Stehe bei mit deinem kräftigen Troste allen, die hier aus der Zeit in die Ewigkeit gehen sollen. Gieb Lust und Liebe zu deinem Worte, dass wir den Sonntag recht feiern in Kirche und Haus und so rechte Kinder Gottes werden und singen und schielen dem Herrn in unsern Herzen. Baue deine Kirche hier und an andern Orten, schaffe reine Herzen und gieb gute Gedanken und Vorsätze, lass uns die Wahrheit erkennen aus der Bibel und dem Katechismus, so wollen wir dich loben sammt dem Vater und dem Sohne in alle Ewigkeit! Amen, in Jesu unseres hochgelobten Heilandes Namen, Amen.

Marienberg im Jahre des Heils 1859 den 8ten October

Scripsit Heinrich Ernst Friedrich du Roi, Pastor zu Mareinberg und Emmerstedt

Die vom Pastor Vibrans anno 1831 eingelegten französischen Münzen werden wieder in den Knopf gelegt. Außerdem lege ich zwei unter der Regierung des jetzt regierenden Herrn und Herzogs Wilhelm geschlagene Münzen bei, nämlich 1 Groschen und ½ Groschen.

Gnade und Friede von Gott dem Vater und unserm Herrn Jesu Christo zuvor!

1888 Teil 1

Urkunde von Pastor Albert Wandersleb (12.09.1888)
mit Angaben zum Kirchenvorstand und Gemeinderat und zum Ersatz der Turmspitze, weiterer Bericht des Organisten (Cantor) und Lehrers J. H. Fr. Jeimke über die Gemeinde und Kirchenbau

14 Seiten ausführlichster Ausführungen von Albert Wandersleb, Pastor von Marienberg und Emmerstedt, sowie ein ähnlich ausführliches Manuskript von H. Buchtmann I., Erster Lehrer zu Emmerstedt.

 

12. September 1888

 

Urkunde

Im Namen des dreieinigen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes wird heute diese Urkunde sammt den im alten Knopf vorgefundenen Schriften dem Knopf des neu erbauten Kirchthurmes zu Emmerstedt eingefügt, und durch Aufsetzen des Knopfes der Thurmbau beendet.

 

Auf den Antrag der Gemeinde Emmerstedt wurde im Jahre 1887 mit Genehmigung des herzoglichen Consistoriums zu Wolfenbüttel die alte baufällige Thurmspitze abgebrochen und durch einen neuen Helm ersetzt. Dabei wurde auch der Thurm zur Schaffung einer Glockenstube um ein Stockwerk erhöht. Eingeleitet wurde der Bau durch den Kirchenvorstand unter Vorsitz des Pastors Stosch, welcher Ende des Monats August 1888 als Missionar nach Indien abreißte.

An dessen Stelle trat am 2. September 1888 der Pastor Wandersleben aus Neuenhof bei Eisenach.

Dies Jahr 1888 ist in der Zeitgeschichte durch den Tod zweier deutscher Kaiser ausgezeichnet.

Kaiser Wilhelm I, deutscher Kaiser und König von Preußen starb am 9. März 1888.

Kaiser Friedrich III, deutscher Kaiser und König von Preußen starb am 15. Juni 1888.

 

Das Dorf Emmerstedt, welches Filial von Kloster Marienberg ist, liegt c[irc]a ½ [eine halbe] Stunde von der Stadt Helmstedt in westlicher Richtung entfernt, hat eine Einwohnerzahl von 800 Seelen und 113 Feuerstellen.

Im verflossenen Jahrzehnt ist es im Jahre 1880 durch Hagelschlag dreimal, nämlich im Juni und am 5. U[nd] 17.  Juli, schwer heimgesucht worden.

Die Mitglieder des Kirchenvorstandes sind gegenwärtig:

Pastor Wandersleb zu Marienberg, -Helmstedt

Schneidermeister H. Funke zu Emmerstedt,

Halbspänner H. Bartels daselbst,

Tischlermeister Chr. Niemann daselbst,

Kothsass[e] W. Jürgens daselbst.

 

Mitglieder des Gemeinderathes:

Gemeindevorsteher H. Wölecke, Emmerstedt,

Schneidermeister H. Funke daselbst,

Halbspänner Fr. Schünemann daselbst,

Halbspänner Chr.  Schünemann daselbst,

Kotsass[e] Chr. Jasper daselbst,

Schuhmachermeister Andr. Schwarze daselbst,

Kotsass[e] Fr. Meine daselbst,

Brinksitzer Fr. Bangemann daselbst,

Gastwirth H. Mensch daselbst,

Kotsass[e] Fr. Keunecke daselbst.

 

Als Lehrer fungi[e]rten:

H. Buchtmann I. erster Lehrer zu Emmerstedt.

W. Schomburg zweiter Lehrer zu Emmerstedt.

 

Mitglieder der Thurmbau-Commission:

Halbspänner H. Bartels Emmerstedt,

Halbspänner Chr. Schünemann daselbst,

Kotsass[e] Fr. Meine daselbst.

 

Der Bau ist nach einem Entwurf des herzoglichen Regierungsbaumeisters Wolff von dem Bauaufseher K. Hagemann ausgeführt. Die staatliche Oberaufsicht übte dabei der herzogliche Kreisbauinspektor Gählert zu Helmstedt aus.

Beim Baue waren folgende Werkmeister beschäftigt:

Fr. Minne, Maurermeister Helmstedt,

W. Wesemeier, Zimmermeister Helmstedt,

H. Wagener, Dachdeckermeister Helmstedt,

H. Keuneke, Tischlermeister Emmerstedt,

H. Haberland, Tischlermeister daselbst,

W. Krone, Schmiedemeister daselbst,

G. Hesse, Kupferschmiedemeister Helmstedt,

W. Weigel, Schlossermeister daselbst,

H. Baumeister, Klempnermeister daselbst,

A. Lübeck, Malermeister daselbst.

 

Das Werk des Baues ist bis heute durch Gottes gnädiges Behüten ohne Unfall irgend eines Menschen ausgeführt worden. Der barmherzige Gott halte seine schützende Hand auch nun über die Arbeiter, die durch Aufsetzen des Knopfes es zu Ende bringen sollen. Er gebe in Gnaden, dass die Gemeinde Emmerstedt auch durch diesen Turm sich weisen lasse zu dem Herrn aller Herren, dass sie sich durch die Glocken rufen lasse zu seinen Gottesdiensten und zu seinem heiligen Wort, und dass das Evangelium von dem Herrn Jesu Christo, dem hochgelobten Sohn Gottes, dem Gekreuzigten und Auferstandenen bleibe auch in dieser Gemeinde der Brunnquell alles Lebens und die Kraft zu Seligkeit durch unseren Herrn Jesum Christum.

Amen.

Marienberg und Emmerstedt d[en] 12. September 1888.

Albert Wandersleb, Pastor

 

Helmstedt den 12. September 1888

K. Hagemann Bauaufseher

 

 

12. September 1888

Albert Wandersleb Pastor

H. Buchtmann I. Erster Lehrer zu Emmerstedt.

1888 Teil 2

Eingelegt am 12. September 1888

Dem zeitigen Pastor von Marienberg und Emmerstedt

Einige flüchtige Nachrichten für die Nachwelt, aufgeschrieben vom zeitigen Cantor, Opfermann, Organisten u[nd] Lehrer Johann Heinrich Friedrich Jeimke

Ich, der Cantor etc. Jeimke, geb. d. 9. Jan. 1807, bin gebürtig aus Vorsfelde und der Sohn des weiland Amtsuntervoigts Jeimke. Ich wurde von meinen Eltern zum Schulamte bestimmt und kam zur Ausbildung und Vorbereitung dazu im Jahre 1823 zu Michaelis auf das Schullehrer-Seminar zu Wolfenbüttel. Daselbst war ich 4 Jahre Präparand und 1 Jahr Seminarist. Um Ostern des Jahres 1828 starb mein Vorgänger, Cantor etc. Lange, und da diese Stelle vom Prediger und Gemeinde vergeben wird, so wurde ich nebst einen andern namens Krone der Gemeinde präsentirt. Da durch verschiedene Missgriffe die Gemeinde nicht einig war, so gab es wegen der Wahl scharfe Debatten, welche anzuführen zu weitläufig sein würde. Nachdem ich schon der Stelle freiwillig entsagt, wurde ich doch vom damaligen Prediger Pastor Viebrans und dem zeitigen Gemeindevorsteher Christoph Schünemann, Halbspänner sub. Assec. Nro. 13 am Himmelfahrts-Tage in Wolfenbüttel aufgesucht und beredet, die Stelle anzunehmen, indem alle Streitigkeiten beigelegt seien, worauf ich mein Jawort gab. Im Ausgange Junius wurde ich examini[e]rt und am 2ten Julius 1828 beeidigt. Am 14ten August hielt ich meinen Einzug in Emmerstedt und am 17ten August wurde ich in hiesiger Kirche vom Generalsuperintendenten Ludewig zu Helmstedt eingeführt. Obgleich ich noch sehr jung war (21 Jahre), so gestatteten es die Verhältnisse nicht, allein zu bleiben. Och verheirathete mich im Jahre 1829 mit der ältesten Tochter des Halbspänners Christoph Schünemann, sub Assec. Nro. 58, Marie Schünemann und zeugte mit ihr 4 Söhne, wovon der 2te schon nach 20 Wochen wieder starb, und 1 Tochter. Der älteste Friedrich, 29 J. alt, hat Theologie studi[e]t und nachdem er in seinem Examen rühmlichst bestanden, wurde er Michaelis 1859 als studi[e]rter Lehrer bei der Waisenhausschule in Braunschweig angestellt; der zweite von den Lebenden heißt Adolph, 27 j. alt, und ist gegenwärtig Kaufmann resp. Reisediener; der 3te Wilhelm, 24 J. alt, ward Kupferschmied und ist gegenwärtig in Neuhaldensleben; die Tochter Emma, 14 Jahre alt, ist in Helmstedt und lernt daselbst das Nähen. Mit meiner Frau habe ich bis zur Stunde in glücklichen Verhältnissen gelebt und so auch mit der Gemeinde, welcher ich bis jetzt 31 Jahre als Lehrer gedient, ohne dass sie sowohl wie ich niemals Anlass zu Beschwerden gehabt haben.

So weit ich erfahren habe, waren meine Vorgänger: Lange, vor demselben Schröder und vor diesem Gillhorn – Prediger waren bei meiner Zeit bis jetzt 4 angestellt und 3 weiter befördert. 1. Der Pastor Viebrans kam als 2ter Prediger nach Helmstedt. 2. Darnach der Pastor Roßmann als 2ter Prediger an die Kirche St. Ulrici in Braunschweig. 3, darnach der Pastor Dedekind als 2ter Prediger nach Stadtoldendorf, wo er später Superintendent ward. 4. Der zeitige Pastor du Roi ein streng rechtgläubiger Mann.-

Die hiesige alte Kirche war dumpf und für die Gemeinde zu klein, weshalb auf Ansuchen der Gemeinde beim Pastor Roßmann der Antrag gestellt wurde, dafür zu sorgen, dass entweder die Kirche ausgebessert oder ganz erneuert werde. Der Antrag auf Erneuerung wurde dem herzogl[ichen] Consistorii gemacht und von demselben der Neubau genehmigt, da die Kirche die Mittel völlig dazu hatte /circa 7500 R[eichs]th[aler]. Die alte Kirche wurde eingerissen und die neue in jetziger Gestalt aufgebaut, wobei so viel ich weiß, Niemand bei zu Schaden gekommen ist. Einige Nachrichten liegen im Grundsteine, derselbe, ein dazu eigends ausgehauener Stein, steht unter der östlichen Thür, beim Eingange zur Sacristei, circa 3 bis 5 Fuß unter der Erde. Eingeweihet wurde dieselbe am 29sten October 1837 mit großer Feierlichkeit. Baumeister waren: die beiden Amtsmaurermeister Linke und Marnitz aus Helmstedt und der Zimmermeister Daniel Niemann aus Emmerstedt sub. Assec. Nro 2 unter Leitung des Cammerbaumeisters Blumenstengel.

Im Jahre 1831 sollte durch den Dachdeckergesellen Glas, beim Dachdeckermeister Krumsiek zu Helmstedt in Arbeit stehend, der Thurm ausgebessert werden. Beim Anbringen des Seiles um die Thurmspitze (Helmstange) bog sich dieselbe und noch früh genug bemerkte solches der dabei befindliche Lehrling und verhütete dadurch das Unglück, das der erwähnte p. Glas nicht mit Spitze, Fahne, Stuhl und Allem herunterfiel. Die Ursache war, dass die Helmstange abgefault war und nur die Nagel, womit das Blei um dieselbe befestigt war, fest hielten. Beim Aufsetzen des Knopfes legte der zeitige Pastor Viebrans eine Bleibüchse mit einigen Notizen ein. Im Jahre 1858 im Monat Juli schlug der Blitz in den Thurm ohne zu bremmem, wie noch am Balken, welcher an der Kante zersplittert ist, und an einer Sparre zu sehen sein wird. Derselbe sehr wahrscheinlich durch das östliche kleine Schallloch auf den Kirchenboden/siehe den ersten Hängeständer am Eingange zu Kirchenboden, wovon ein bedeutendes Stück nebst einer eisernen Krampe abgerissen worden ist) und so in die Orgel, welche sehr stark beschädigt war. Die Reparatur derselben kostete circa 84 R[eichs]t[haler]. Im Jahre 1859 gefiel es dem Pastor du Roi und den zeitigen Kirchenvorständen (Sie mögen hier angeführt werden) 1. Halbspänner Andreas Bartels Assec. Nr. 53, 2. Halbsp[änner] Friedrich Bosse Nr. 29, 3. Halbsp[änner] Heinrich Wöhleke Nr. 22, 4. Kothsass und Stellmacher Heinrich Meine Nr. 8, 5. Koths[ass] Heinrich Reckler Nr. 19 , 6. Koths[ass] Friedrich Wöhltier Nr. 28, 7. Cantor Fr[iedrich] Jeimke,- den Knopf und die Fahne auf dem Thurme vergolden zu lassen. Ihr Vortrag beim herzogl[ichen] Consistorio wurde genehmigt. Knopf und Fahne wurden abgenommen und das hat mich bewogen, einige Nachrichten der Nachwelt aufzubewahren. Im September 1859 wurde der Knopf wieder aufgesetzt.

Dorfnotizen ohne logische Ordnung

Unser Dorf ist wohlhabend zu nennen, denn es herrscht hier weder Reichthum noch gänzliche Armuth. Nur in beiden Theilen giebt es sehr wenig Ausnahmefälle. Der Ackerbau wie die Viehzucht wird hier fleißig getrieben und bringt auch jetzt guten Gewinn. Obgleich die Getraidepreise etwas gesunken sind, so ist doch ein reichliches Auskommen dabei. Gegenwärtig kostet der Wispel Waizen 55 bis 58 R[eichs]t[haler]; der Rocken 42 bis 45 R[eichs]t[haler]; die Gerste 40 R[eichs]t[haler]; der Hafer 28 R[eichs]t[haler]; Erbsen und Bohnen stehen gewöhnlich mit dem Rocken im Preise; Wicken 40 R[eichs]t[haler]; Linsen werden hier wenig gebauet und sind auch in diesem Jahre schlecht gerathen, daher sehr theuer, das Bierfaß 20 G[ute] G[roschen] bis 1 R[eichs]t[haler]; auch werden etwas Luzinen gebaut, eine Schotenfrucht, welche zur Zeit der Reife große Aufmerksamkeit erfordert, sonst springen die Schoten auf und der Gewinn geht verloren; größtentheils werden sie als Dünger, vorzüglich auf Sandboden, gebraucht. Die wan als Dünger gebraucht, werden spät gesäet und kurz vor Michaelis, wenn sie blühen wollen oder auch schon blühen, untergepflügt und darauf Rocken gesäet, giebt schünen Ertrag. Kartoffeln gerathen in diesem Jahre nicht so gut, wie im vorigen, doch hinlänglich zur Consumtion. So auch Kohl, Kohlrabi, Rummel/Tureips? Und Zuckerrüben. Wintersaat wird nicht gesäet, dagegen Sommersaamen, welcher in diesem Jahre auch schlecht gerathen.- Die diesjährige Winterernte kann man eine sehr gute nennen; denn man hat auf einen Morgen Acker circa 5 bis 6 Schock und zum Theil noch darüber, geerntet d. h. auf guten Boden, und dabei ziemlich lang; Rockenstroh zum Theil von 8 bis 9 Fuß lang. Die Sommer- und Brachernte ist nur mittelmäßig zu nennen. Zu diesem allen trug die Witterung viel bei. Der Sommer 1859 war durchaus für unsre Gegend sehr trocken, denn wir haben in 10 Wochen fast keinen Tropfen Regen bekommen; dagegen war es oft eine Hitze fast zum Ersticken 40 bis 44 Grad R., Gewitter fe[h]lten und zogen um uns weg und waren auch oft mit Hagel begleitet z. B. bei Warberg, Esbeck u.s.w. Früher wurde hier Korn- und Fleischzehnten an die Kommende Süpplingenburg gegeben, ist aber seit 10 Jahren für 16.000 R[eichs]t[haler] abgelöst.

Nachdem sämmtliche Gemeinden rings um uns herum separi[e]rt hatten, kam die Reihe an Emmerstedt. Bis jetzt sind erst mehrere Termine abgehalten und die Gemeinde hat vorläufig 500 R[eichs]t[haler] zahlen müssen; dagegen wird die Separation vielleicht erst in 5 Jahren fertig.- Vom hiesigen Rindvieh findet man jetzt noch wenig; man hat größtentheils Ostfriesisches/schwarzbuntes/ angeschafft, welches zwar nicht mehr Milch giebt, aber theurer bezahlt wird. Die Preise stehen jetzt recht hoch; nämlich von 40 bis 70 R[eichs]t[halern] pro Stück- Pferde/Zug-/ werden nach Alter, Race, Körperconstruction bis zu 300 R[eichs]t[halern] und darüber bezahlt.- Schweine, jährige z. B. kosten 20 R[eichs]t[haler] das Paar; 1 ½ jährige 30 R[eichs]t[haler] d. P.; Gänse, magere, werden mit 1 R[eichs]t[haler] bezahlt d. Stück.

Die Holzpreise stehen sehr hoch. 1 Malter, zu 80 Cubikfuß, Buchen Scheitholz kostet 4 R[eichs]t[haler] 89 g[ute] G[roschen]; 1 M[a]lt[e]r Buch. Knorrholz 3 R[eichs]t[haler] 12 g[ute] G[roschen]; 1 M[a]lt[e]r Eichen Scheitholz 3 R[eichs]t[haler]; 1 M[alter] Eichen Knorrholz 2 R[eichs]t[haler]; 1 Schock Buchen Stammwahre 2 R[eichs]t[haler]; Abschlagwahre 1 R[eichs]t[haler] 12 g[ute] G[roschen] – Eichen Wahre 1 R]eichs]t[haler]. Gewöhnlich wird das Holz auctionsmäßig verkauft und kommt dann oft über die Holztaxe. Eichen Bauholz ist rar und wird theuer bezahlt. Viele Bauherrn bauen massiv auf.- Lederpreise. 1 Paar mittelmäßige riedlederne Halbstiefel für Männer 3 bis 3 ½ R[eichs]t[haler]; hiernach mag man das Übrige berechnen. Der Luxus steigert sich mit jedem Jahre. Junge Mädchen trugen bisher rithe Röcke für Sonntag und alltäglich selbstgemachte wollene Röcke; jetzt Kleider vom ordinairen Kattun an bis zu seidenen Zeuge; große Umschlagetücher und feine sogenannte italienische Strohhüte und seidene mit Blumen besetzte Winterhüte. Auch fängt man an unter den Landleuten in Kutschen und Calleschen zu fahren.- Hinsichtlich der Höfe ist seit meines Hierseins in 31 Jahren das Dorf sehr verändert. Seit 31 Jahren ist fach nach einander das Dorf halb abgebrannt; 39 Höfe, größtentheils ganz, und ich mögte wohl sagen, fast alle durch Muthwillen, war um bessere und größere Höfe zu haben. Im Hofe sub. Assec. Nro. 10 /Sack/ verbrannte die Tochter des Halbsp[änners] Look; vielleicht steht noch der aufgerichtete Leichenstein ohnweit der Kirche /Südseite/ worunter die einzelnen aufgefundenen Reste begraben liegen.- Das frühere Clevesche Schriftsassengut sub Assec. Nr. 15 wurde im Jahre 1829 von einigen Einwohnern für 26.400 R[eichs]t[haler] Gold angekauft. Über den Verkauf dieses Hofes entstand ein Process, welcher 30 Jahre gedauert und bis jetzt noch nicht ganz beendet ist; ist aber seinem Ende nahe und im Allgemeinen sehr wenig dabei gewonnen; dagegen hat der Process viele Tausende gekostet. Den ganzen Process hier aus einander zu setzen und zu beschreiben, würde viel Zeit und Mühe kosten. Weitere Nachrichten darüber liegen im oben erwähnten Grundsteine unter dem östlichen Eingange zur Kirche vom Pastor Roßmann aufgesetzt, welche Ansichten ich aber im Allgemeinen nicht theile. Nur will ich noch bemerken, dass der Hof an den Käufern geblieben , nur der damalige Ortsvorsteher Christoph Schünemann Nr. 13 hat wegen beschuldigter Nichterfüllung seines Mandats einen Separatprocess geführt, welcher demselben viele Kosten und eine Abtretung von einigen Morgen Länderei verursacht hat. Jeder hüte sich vor solchen unglücklichen Process. Ich halte die Käufer im Rechte, obgleich es besser war, wenn der Hof unter die ganze Gemeinde vertheilt wurde; dann würden viele Zwistigkeiten und Feindseligkeiten nicht entstanden sein.-

Unsre frühere Landesmünze ist abgeschafft und es cursi[€]rt gegenwärtig folgende Münzsorte: 1. Ganze Kronen und halbe Kronen/Gold/ 2. 2 Thalerstücke und 2 R[eichs]t[haler] genannt Vereinsmünze, 3. Groschen a. 10 D[enare] und halbe Groschen 5 D[enare] und 4. Pfennige. Außerdem findet man noch selten 4 Gutegroschenstücke Braunschweiger Präge; dage[ge]n Preußische ½ Gulden und 4 g[ute]G[roschen], 2 ½ Groschen sowohl Braunschweigische wie Preußische. Dann mehre Münze Deutscher Staaten. Papiergeld cursi[e]rt in großer Masse. 50 R[eichs]t[haler], 20 R[eichs]t[haler], 10 R[eichs]t[haler], 5 R[eichs]t[haler] und vorzüglich 1 Thalerscheine. Im Handel gelten fast alle, in herrschaftlicher Casse nur Braunschweigische, Preußische, Hannoversche und Königl[ich] Sächsische; die übrigen nicht.-

Wir leben jetzt in einer schwülen, aufgeregten Zeit. Der politische Himmel verdunkelt sich immer mehr. Es kann mit jedem Augenblicke der Krieg ausbrechen. Frankreich u[nd]vorzüglich Napoleon III. sitzt nicht ruhig. Im vorigen Frühjahr /1859/ stand schon ganz Deutschland unter Waffen; denn Napoleon III war dem König von Sardinien in Italien mit 2 bis 300.000 Mann zu Hülfe gegen die Österreicher gezogen; es entstand ein mörderischer Kampf wegen der Lombardei, welche Österreich im Besitz hatte, und es fielen viele Tausende, indem keiner weichen wollte; jedoch war die Kriegserfahrenheit der Franzosen größer und die Österreicher wurden immer geschlagen, bis sie die Lombardei aufgaben, worauf Napoleon III. schnellen Frieden machte, indem er fürchten mochte, dass Deutschland in Frankreich einfallen könnte. Dieser Frieden bewirkte die Entwaffnung von ganz Deutschland wieder. Aber er jährt und jährt hier und dort und ehe wir uns davor sehen, haben wir wieder Krieg mit Frankreich.- Aber ewig im Gedächtnisse wird das Jahr 1848 bleiben, wo eine allgemeine Revolution in ganz Deutschland war. Man wollte alle Fürsten fortjagen und einen deutschen Kaiser wieder einsetzen. Es bildeten sich Freischaaren und durchzogen einige Länder, wurden aber überall geschlagen und nachdem sich das Blut abgekühlt, kehrte Jeder in seine Heimath zurück. Jedoch hat es manches unschuldige Menschenleben gekostet und manches Rittergut ist ein Raub der Flammen geworden. Denn der Wahlspruch war: Freiheit und Gleichheit, und die Meisten verstanden das Wort nicht oder legten es falsch aus, woraus ein gräßliches Unglück wurde, wofür Viele im Gefängnisse büßen mußten; manche Zeit lebens, und Viele sind zum Tode verurtheilt und wiederum Viele wurden des Landes verwiesen.- Nach diesem Allen im Jahre 1849 kam die Cholera, eine gefährliche Krankheit. Sie hat hier freilich nur 2 Menschen weggerafft, aber in andern Theilen des Herzogthums ehr gewühtet. Vorzöglich stark war sie in Braunschweig, Wolfenbüttel und Schöningen auch Königslutter und Schöppenstedt. Jetzt ist sie wieder stark aufgetreten in Hamburg u[nd] vorzöglich im Me[c]klenburgischen.

Nach jetziger Landesverfassung besteht in jeder Gemeinde eine Landgemeindeordnung, wonach die Gemeindedeputirten bestehen aus 1. Gemeindevorsteher und 2. Gemeinderäthen. Hier gegenwärtig: 1. Gem[einde]-Vorsteher Müller. 2. Gem[einde]-Räthe Kasten, Sack, Schwarze, Niemann, Meine, Müller, Keuneke, Appel u[nd] Keuneke. Amtsrathmitglied ist Kasten.- (Die Schule besteht jetzt aus 111 Schülern). -In der Kirche wird eine aufgetrocknete Menschenhand schon seit 100 Jahren aufbewahrt; woher ist ist, weiß man nicht- Sollte der Knopf vielleicht in 30, 50 oder 100 Jahren mal wieder abgenommen werden, so bitte ich, diese Notizen gütigst wieder einzulegen.

Emmerstedt den 21sten September 1859

J. H. Fr. Jeimke, Cantor

Noch nachträglich: Im Dorfe war früher keine Chaussee; diese ist erst in den 1840ziger Jahren gemach und nachgemacht und bis jetzt noch nicht ganz vollendet. Vorher waren die Straßen äußerst schlecht und in manchen Straßen z. B. von der Schalke bei dem Brandtschen Hofe hinauf so grundlos, dass fast Wagen und Pferde liegen blieben.

Jährlich wird hier auch ein Freischießen abgehalten, welches mit großem Pomp gefeiert wird. Mehrere Interessenten haben einen Brettersaal, welcher auch ein Bretterdach enthält, von 90 Fuß lang und 40 Fuß breit, mit 2 Säälen und einem Orchester bauen lassen. Derselbe kostet circa 400 R[eichs]t[haler]. Jedermann hat Zutritt zum Saale, wenn er 8 resp. 16 g[ute] G[roschen] für 2 Tage bezahlt und freie Musik und Tanz.-

Diese 2 Freischießen Tage werden unter großen Lustbarkeiten hingebracht, indem viele Gäste von Helmstedt und den umliegenden Ortschaften daran Theil nehmen. Es hat sich auch so weit ausgedehnt, dass schon mehrere Marktbuden mit Pfeffernüssen und Honigkuchen ausstehen.- Wer den besten Schuss gethan, wird König. 1859 war es der Halbsp[änner] Fr[iedrich] Bosse, sub Assec. Nr. 29. Nur wurde der König zu schlecht honori[e]rt, indem er nur 5 R[eichs]t[haler] bekam, wofür er im folgenden Jahre, wenn er abgeholt wurde, der Schützengesellschaft eine Tonne Bier und etwas Kuchen gab.

Name und Stand jetziger Hofbesitzer

Assecuranz-

nummer

Hofbesitzer

1.

Evers, Christoph. Kothsass.

2.

Niemann, Christoph. Kothsass und Tischlermeister. (Gemeinderath)

3.

Keuneke, Andreas. Kothsass u[nd] Krüger. (Gemeinderathsmitglied)

4.

Lüders, Friedrich. Kothsass

5.

Look, Friedrich. Brinksitzer

6.

Keuneke, Friedrich. Kothsass (Gemeinderathsmitglied)

7.

Schrader, Christoph. Kothsass u[nd] Leinweber.

8.

Meine, Heinrich. Kothsass u[nd) Stellmachermeister (Gemeinderathsmitgl[ied])

9.

Keuneke, Wittwe, Kothsass.

10.

Jasper, Christian, Kothsass. U[nd] Leinweb[e]r.

11.

Sack, Christoph, Halbackermann (Gemeinderathsmitglied)

12.

Schünemann, Christoph. Großkothsass.

13.

Schünemann, Christoph. Halbspänner

14.

Schrader, Andreas, Kothsass (ein 70jähriger Junggeselle)

15.

Kasten, Peter. Ackermann (Amtsraths- u[nd] Gem[einde]-Rathsmitglied) – hat die Dlevesche Hofstelle nebst Garten von der Gemeinde für 2700 R[eichs]t[haler] gekauft

16.

Schünemann, Friedrich. Halbspänner

17.

Look, Wittwe, Halbspänner.

18.

Bosse, Friedrich (Hier stand früher der Bossesche Halbspännerhof; derselbe ist abgerissen u[nd] jetzt ein Anbauerhaus.)

19.

Reckler, Heinrich. Kothsass

20.

Dürkop, Erwin, Müllermeister

21.

Kirchhoff, Heinrich. Kothsass. (Nach dem Brande ausgebaut.)

22.

Wöhleke, Heinrich. Halbspänner

23.

Arneke, Heinrich. (Angekauft u[nd] jetzt Bäcker in Süpplingen.)

24.

Hosang, Zacharias. Kirchenhausbesitzer, Häker u[nd] Leinweber)

25.

Funke, Friedrich. Kirchenhausbesitzer und Schneidermeister.

26.

Pinzer, Friedrich. Brinksitzer u[nd] Leinweber

27.

Körtge, Christian. Kothhof /der Erbe ist nach Amerika gegangen)

28.

Wöhlbier, Friedr[ich]. Koths[ass] u[nd] Leinweber

29.

Bosse, Friedr[ich]. Halbspänner (Dieser Hof gehörte früher Kasten u[nd] ist angekauft von Bosse) Vergleiche (Nr0. 15 18 u. 29)

30.

Schünemann, Ernst. Halbspänner.

31.

Schünemann, Friedrich. Halbpränner

32.

Schünemann, Christoph. Kothsass.

33.

Meine, Friedr[ich]. Koths[ass] (Nach dem Brande ausgebauet).

34.

Meine, Heinr[ich]. Kothsass.

35.

Schimpf, Louis. Kothsass.

36.

Pieper, Friedrich. Kothsass.

37.

Steimerling, Wittwe. Kothsass.

38.

Mensch, Heinrich. Kothsass.

39.

Curland, Heinrich. Kothsass. (Nach dem Brande ausgebauet.)

40.

Funke, Heinrich. Kothsass.

41.

Osterroth, Wittwe. Kothsass. U[nd] Ölmüller

42.

Look, Heinrich. Brinksitzer u[nd] Leinweber

43.

Schünemann, Peter. Brinks[itzer] u[nd] Leinw[eber]

44.

Weddeborn, H[ein]r[ich] (Verkauft. Der Käufer zieht eben an u[nd] heißt ;arkmann aus Süpplingen).

45.

Baagemann, Friedr[ich] Brinks[itzer] u[nd] Leinw[eber]

46.

Kreuzberg, Christoph. Brinks[itzer] u[nd] Krüger

47.

Schünemann, Andr[eas], Brinks[itzer] u[nd] Leinweber

48.

Gemeinde-Schäferei/verpachtet. Pächter heißt Wilhelm Witte/

49.

Schünemann, Friedrich. Halbspänner

50.

Schünemann, Christoph. Kothsass und Schmiedemeister.

51.

Baagemann, Friedrich. Halbspänner

52.

Appel, Friedrich. Halbsp[änner]. (Gemeinderathsmitglied)

53.

Bartels, Andreas. Halbspänner.

54.

Schwarze, Peter. Kothsass. (Gemeinderathsmitglied)

55.

Müller, Heinrich. Kothsass und Gemeindevorsteher u[nd] Einnehmer (u[nd] Ölmüller u[nd] Leinweber und Hausschlächter)

56.

Die Schule

57.

Brandt, Christoph, Großkothsass.

58.

Schünemann, Christoph. Halbspänner.

59.

Kamrath, Christoph. Kothsass (Jatarimswirth)

60.

Keuneke, Heinrich. Kothsass.

61.

Loos, Andreas. Brinksitzer und Leinweber

62.

Gehreke, Andr[eas]. Brinks[itzer] u[nd] Tischlerm[eister].

63.

Krerel, Andreas. Brinks[itzer] u[nd] Leinw[eber]

64.

Hosang, Friedr[ich]. Brinksitzer

65.

Brink, Christoph. Kirchenhausbesitzer u[nd] Schuhmacherm[ei]st[e]r.

66.

Sack, Jacob. Kirchenhausbes[itzer] u[nd] Leinw[eber].

67.

Wöhleke, Christian. Anbauer u[nd] Leinw[eber].

68.

Thiele, Andr[eas]. Anbauer u[nd] Leinweber

69.

Das Hirtenhaus. Gerlof, Andr[eas]. Kuhhirte, Räuper, Andr[eas]. Schweineh[irte]

70.

Niemann, Peter. Anbauer u[nd] Leinweber

71.

Das Feldhüterhaus.

72.

Rabmund, Peter. Anb[auer] u[nd] Leinweber

73.

Schrader, Andr[eas]. Anbauer u[nd] Leinweber

74.

Reckler, Heinr[ich]. Anb[auer] u[nd] Leinweber

75.

Mensch, Julius. Arbeitsmann und Anbauer.

76.

Mensch, Friedr[ich]. Anbauer und Bötticherm[ei]st[e]r

77.

Berenroth, Peter. Kothsass.

78.

Lüders, Friedr[ich]. Anbauer und Schmiedemeister /s. Nr. 4/

79.

Das Backhaus (Bäcker Fr. Look)

80.

Keuneke, Christoph. Anbauer und Leinweber.

81.

Müller, Friedr[ich]. Wiedmüller (genannt der Holländer)

82.

Das Spritzenhaus

83.

Schünemann, Conrad. Neuanbauer u[nd] Schneider

84.

Die Vitrialhütte hinter der Brunsohle gehört jetzt dem Kaufmann Wilhelm Suder in Helmstedt

85.

Müller, Christian. Neuanbauer u[nd] Leinweber /Gemeinderathsmitgl[ied])

86.

Mensch, Wilhelm. Wiedmüller

87.

Niemann, Johann. Neuanbauer u[nd] Schuhmacherm[ei]st[e]r

88.

Die Brunsohle, Schmidt, Wilhelm, Gastwirth, früher hatte die B. Nr. 14 und gehörte zu Marienthal.

 

 

 

1962/63

Nachrichten von Rektor Erich Fanselow (14.05.1963)
Nachrichten aus der Gemeinde Emmerstedt von Erich Fanselow, Rektor der Schule, Urkunde mit Beschreibung der Reparatur am Dach des Kirchturmes und der daran beteiligten Firmen

Urkunde von Pastor Heinz-Georg Walesch, Pastor (15.05.1963)

Beilagen:

Zeitung „Die Welt“ vom 31.12.1962

Schreiben des Pfarramtes Emmerstedt (Dr. Leppin 1961) an das Landeskirchenamt mit Begründung der dringenden Reparatur des Turmdaches

 

 

Nachrichten aus der Gemeinde Emmerstedt

Mit sehr viel Interesse hat die Gemeinde die Texte der Schreiben im Knopf des Kirchturms bei seiner Neudeckung im Jahre 1962 zur Kenntnis genommen. Nach einem schneereichen und sehr kalten Winter werden nun im Mai 1963 die Arbeiten mit dem Aufsetzen des neu vergoldeten Knopfes und der Petrusfigur als Windfahne dem Ende entgegen gehen.

Seit 1888 – dem Jahre der jüngsten gefundenen Urkunde – haben sich die staatlichen Verhältnisse in Deutschland und Europa durch die beiden Weltkriege und umfassende soziale Umschichtungen erheblich verändert. Durch das Gesetz über die Gemeindeschulen vom 5.4.1913 wurde – noch im damaligen Herzogtum Braunschweig – die bisherige kirchliche Schulaufsicht den staatlich angestellten Schulräten übertragen. Damit ist die durch das Amt des Organisten (Kantors) enge Verbindung zwischen Kirche und Schule verloren gegangen. Seit 1888 waren folgende Organisten in der Emmerstedter Kirche tätig: bis 1923 Kantor Buchtmann, bis 1949 Kantor Ehlers. Seit 1951 hat im wesentlichen Frau Pülm den Dienst des Organisten versehen. Sie ist Pastorenwitwe und kommt jeden Sonntag aus Helmstedt. Zwischenzeitlich haben auch Aushilfskräfte einspringen müssen.

Das Dorf hat sich inzwischen wesentlich erweitert. Nach dem ersten Weltkriege wurde die „Alte Siedlung“ gebaut; nach dem 2. Weltkriege – in den Aufbaujahren nach 1950 – entstanden mehrere Einzelhäuser im Dorf, die „Neue Sidlung“ und – wegen des Nutungsgebietes? der BKB – außerhalb des Dorfes die Rottensiedlung ( wie dort früher die Flachsrotten waren) und seit 1962 die Siedlung zwischen den Tonwerken und der Südanlage an der Marientaler Straße.

Der Schulbau von 1904 an der Schulstraße wurde 1950 unter Bürgermeister Schrader um 4 Klassenräume und die Aula erweitert. 1962 wurde das Schützenhaus (früher wohl ein Zelt) von der Gemeinde für den Turnunterricht der Schule und Zwecke des Sportvereins ausgebaut.

Zur Zeit wird in Emmerstedt die Abwässerkanalisation gelegt; der Bau des Wasserwerkes und der Wasserleitung im Jahre 1958 haben die Kanalisation notwendig gemacht. Alle vorhandenen Brunnen mußten zugeschüttet werden da sie kein einwandfreies Wasser lieferten.

Die Landwirtschaft steht heute nicht mehr im Mittelpunkt des Erwerbslebens. Etwa 390 Personen verdienen ihren Lebensunterhalt in anderen Orten. Solche auswärtigen Betriebe sind neben denen in Helmstedt (234 Beschäftigte) besonders die Braunschweigischen-Kohlen-Bergwerke (34) und das Volkswagenwerk in Wjolfsburg (84 Pendler).

Die jetzt gültige Niedersächsische Gemeindeordnung schreibt für Emmerstedt 13 Gemeindevertreter vor, die alle vier Jahre neu zu wählen sind. Herr Karl Pätz ist seit 1953 mehrfach nacheinander zum Bürgermeister gewählt worden; beamteter Gemeindedirektor ist seit Jahren Herr Fritz Müller.

Seit Ostern 1962 besteht in Niedersachsen die 9-jährige Volksschulpflicht. Die hiesige Schule ist seitdem Mittelpunktschule für die Kinder des 7.-9. Schuljahres aus Barmke. 9 hauptamtliche Lehrkräfte erteilen den Unterricht; ein Erweiterungsbau der Schulgebäude wird notwendig werden (erste Besprechungen haben stattgefunden). Folgende Lehrer waren, außer den genannten Kantoren, längere Jahre in Emmerstedt tätig: 1922-1959 Lehre Herbert Bodthe (Ausscheiden durch Tod), 1925-1938 Lehrer Karl Sandvoß, 1936 bis heute Rektor Erich Fanselow, 1939 bis heute Konrektor Richard Zobel, 1954 bis heute Lehrerin Frau Hanna Clansert, 1956 bis heute Lehrer Karl-Heinz Jürges.

Die Gemeinde zählte 1962 etwa 2050 Einwohner, vor dem Kriege waren es rund 1300. Es bestehen noch 34 landwirtschaftliche Betriebe mit nur noch insgesamt 13 Pferden. Die landwirtschaftlichen Maschinen werden z. T. auf Genossenschaftsbasis angeschafft; die Mechanisierung schreitet schnell voran.

Das Leben der heutigen Einwohner wird neben dem Beruf (arbeitsfreier Sonnabend) weithin vom Rundfunk (seit den 30er Jahren), besonders aber vom Fernsehen (1957 stärker beginnend) und vom Streben nach dem Besitz eines Autos bestimmt. Wirtschaftlich leben wir in einer Blütezeit, in der leider Lohn- und Preiserhöhungen sich abwechseln. Die Zeit der Weltraumfahrten hat begonnen, Atom- und Wasserstoffbomber sind ein Schreckgespenst.

Ein beigelegtes Blatt der Hamburger Zeitung „Die Welt“ mag der Nachwelt einen Einblick in die politischen Ereignisse unserer Tage geben.

 

Emmerstedt, 14. Mai 1963                                                                            Erich Fanselow, Rektor

 

 

 

Urkunde

Im Namen des Dreieinigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, wird heute, Mittwoch, dem 15. Mai 1963, diese Urkunde zusammen mit den Nachrichten aus der Gemeinde Emmerstedt des derzeitigen Schulrektors, Herrn Fanselow, einer Tageszeitung, sowie sonst den im Turmknauf vorgefundenen Urkunden von 1859 und 1888 in den Knauf des Kirchturmes zu Emmerstedt eingelegt.

Der allmächtige Gott behüte seine Gemeinde in Emmerstedt und die zu seinem Dienst und Lob erbaute Kirche, damit hier auch in Zukunft sein Wort rein gepredigt, die Heiligen Sakramente recht verwaltet und dadurch seine Gemeinde in diesem Ort erbaut und erhalten werde in der Kraft seines Heiligen Geistes und zu Ruhm und Ehre Seines Heiligen Namens bis auf den Tag der Wiederkunft seines lieben Sohnes, Jesus Christus. Darum bitten wir von Herzen durch unsern Herrn und Heiland Jesus Christus.

Amen.

Über die Anlässe zur Erneuerung des Daches des hiesigen Kirchturmes gibt im einzelnen das beigefügte Schreiben vom 23.6.1961 an das Landeskirchenamt in Wolfenbüttel Auskunft.

Die Arbeiten am Kirchturm begannen am 23. Mai 1962, nachdem seitens des Landeskirchenamtes hierzu die Genehmigung erteilt und auch die erforderlichen Geldmittel bereitgestellt waren, soweit sie nicht aus der Kirchenkasse Emmerstedt selbst aufgebracht werden konnten.

Im Verlauf der Arbeiten ergaben sich besondere Schwierigkeiten dadurch, daß ein großer Teil des unteren tragenden Turmgebälks durch Schädlingsbefall nahezu völlig zerstört war und fast gänzlich durch neues Gebälk ersetzt werden mußte.

Ein ganz besonders strenger und harter Winter 1962/63 verzögerte die Arbeiten am Kirchturm recht erheblich, jedoch hoffen wir alle zuversichtlich, daß bis Pfingsten dieses Jahres sämtliche Arbeiten abgeschlossen sind, und wir dann die Erneuerung unseres Kirchturms mit einem festlichen Gottesdienst feiern dürfen.

Im ganzen bliebe bei der jetzigen Erneuerung des Daches die Form und Art des Kirchturmes so erhalten, wie sie vom Jahre 1888 an bestand. Eine Ausnahme macht lediglich die Wetterfahne, die ganz erneuert werden mußte, da die alte eiserne Wetterfahne vollständig zerrostet war. Der Kirchenvorstand nahm hierbei die Beschreibung der vorletzten Wetterfahne in der beiliegenden Urkunde von 1859 zum Anlaß, an die alte Tradition wieder anzuknüpfen, und die neue Wetterfahne im Geist und Stil unserer gegenwärtigen Zeit so zu gestalten, daß die Figur des Namenspatrons unserer Kirche, St. Petrus, die Spitze des Turmes wieder krönt.

Bei den Reparaturarbeiten waren folgende Firmen beteiligt:

1.       Firma Otto Gödecke & Kurt Achilles, Dach- und Schieferdeckermeister, Schöppenstedt (Dachdeckerarbeiten und Montage der neuen Blitzschutzanlage und Wetterfahne),

2.       Firma Friedrich Mensch, Baugeschäft, Emmerstedt (Inhaber: Herbert Mensch), (Zimmerarbeiten),

3.       Firma Erich Frohberg, Schädlingsbekämpfermeister, Helmstedt (Schädlingsbekämpfung und -konservierung im Turmgebälk),

4.       Firma Willi Kippel, Turmuhrmacher, Königslutter (Reparatur der Turmbekrönung einschließlich Lagerung der neuen Wetterfahne)

5.       Ekkehard Kraul, Braunschweig, in Zusammenarbeit mit seinem Lehrer, Professor Bodo Kampmann, von der Metallklasse der Hochschule für bildende Künste in Braunschweig (Entwurf und Anfertigung der neuen Wetterfahne).

Der Gesamtkostenaufwand beträgt -soweit es sich jetzt überblicken läßt- 36.611,89 DM und verteilt sich wie folgt:

Firma Gödecke & Achilles:   26.799,73 DM

Firma Friedr. Mensch:           4.437,16 DM

Firma Erich Frohberg:            ca. 1.000 DM

Firma Willi Kippel:                   2.575,- DM

Herr Ekkehard Kraul:              1.800,- DM

Insgesamt: 36.611,89 DM

Genaueres über die Gemeinde Emmerstedt seit 1888 hat der Rektor der hiesigen Schule, Herr Fanselow, in dem beigefügten Manuskript berichtet.

Die Situation der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde selbst ist seit dem Jahre 1888 -außer durch die beiden Weltkriege 1914-18 und 1939-45- wohl am einschneidensten durch die Errichtung einer selbständigen Pfarrei Emmerstedt im Jahre 1903 bestimmt worden.

Bis dahin war Emmerstedt Filial der Kirchengemeinde St. Marienberg, Helmstedt, zuletzt unter deren damaligem Pastor Albert Wandersleb (dem Unterzeichner der beiliegenden Urkunde von 1888).

In den Jahren 1902/03 wurde das Emmerstedter Pfarrhaus gebaut, und am 20.12.1903 wurde der erste selbständige Pfarrer von Emmerstedt, Pastor Carl Schattenberg, in sein Amt eingeführt. Seit dem Tode Pastor Schattenbergs am 18.4.1915 wirkten bis heute in der hiesigen Gemeinde folgende Pastoren:

16.1.1916 bis 1.2.1922: Pastor Friedrich Ludwig August Stümpel

6.8.1922 bis 10.1.1926: Pastor Johannes August Otto Oelker

7.3.1926 bis 1.10.1945: Pastor Richard Wandersleb (ein Sohn des oben genannten Pastors Albert Wandesleb)

15.10.1945 bis 23.6.1946: Pastor Reinhard Schmerschneider

10.11.1946 bis 31.5.1951: Propst Max Wedemeyer

17.6.1951 bis April 1961: Pastor Hans-Jürgen Müller

Seit 23.12.1962: Pastor Heinz-Georg Walesch (bereits seit 1.5.1961 als Pfarramtsvikar und Hilfsprediger in der hiesigen Gemeinde tätig).

Die Mitglieder des gegenwärtigen Kirchenvorstandes sind:

Landwirt Ewald Bartels (stellvertretender Vorsitzender), Rektor Erich Fanselow, Werkmeister i. R. Hermann Gröbke, Kaufmann Hans Habicht, Adelheid von Hangwitz, Schlachtermeister Wilhelm Loos, Tischlermeister und Kirchendiener Ernst Markgraf, Friseur und Bürgermeister Karl Pätz. Dem Beirat des Kirchenvorstandes gehören an: Sattlermeister Richard Graß sen[ior], Arbeiter Wilhelm Ohk, Kaufmann Gustav Siebert, Landwirt Alfred Thiele, und als Ehrenmitglied: Rentner Otto Schrader.

Das Amt des Kirchendieners versieht Herr Ernst Markgraf bereits seit etwa 1924, als er es als Achtundzwanzigjähriger übernahm.

Seit etwa 1951 hat die Pfarrerswitwe, Frau Margund Pülm aus Helmstedt, mit nur fast einjähriger Unterbrechung das Amt des Organisten in Emmerstedt inne.

Gebe Gott, daß das Werk der Erneuerung unseres Kirchturm-Daches wie bisher ohne weiteren Unfall und Schaden der dabei Beteiligten zu Ende gebracht werde!

Ihm sei Ehre und Preis in Ewigkeit!

Amen.

Emmerstedt, am 15. Mai 1963

Heinz-Georg Walesch, Pastor

 


2018 Urkunde Pfarrerin Claudia Glebe

2018 Dr. Eckehart Beichler, 39365 Sommersdorf

Rückblick auf 33 Jahre Dienst an St.Petri Emmerstedt (1968-2001)

Am 01.08.1968 begann ich meinen Pfarrdienst in der Kirchengemeinde St.Petri Emmerstedt, nur 5 Jahre nach der letzten Öffnung der Turmkugel und der in ihr seither enthaltenen Nachricht meines Vorgängers Pfarrer Walesch.  Zu meiner Person ist zu sagen, dass ich 1940 in Sachsen geboren bin, im Alter von 5 Jahren in den niedersächsischen Raum gekommen bin, nach dem Abitur in Osterode/Harz   im Doppelstudium Theologie und Sozialwissenschaf-ten studiert habe, 1967 ordiniert wurde und promovierter Politikwissenschaftler bin. Mit meiner Ehefrau Heide geb. Baumann habe ich vier Kinder, die alle in  den Emmerstedter Jahren geboren sind und als Jugendliche das Gemeindeleben mitgeprägt haben.

Bei meinem Dienstbeginn war Emmerstedt noch stark traditionell geprägte Landgemeinde. An kirchlichen Veranstaltungsangeboten habe ich allsonntägliche Vormittagsgottesdienste und wöchentlichen Konfirmandenunterricht vorgefunden, aufgeteilt in Vor- und Hauptkon-firmanden.  Die Frauenhilfe hatte sich wegen des Pfarrhausumbaus von 1968 ein halbes Jahr lang nicht getroffen. Sie kam aber unter der damaligen Leiterin Margarethe Wieneke bald wieder mit monatlichen Nachmittagen bei ca.15 Besucherinnen in Gang, war damals allerdings stark überaltert. Der Kirchenvorstand traf sich regelmäßig, normalerweise im Turnus von ca. 2 Monaten. Weitere Aktivitäten waren noch nicht vorhanden. Insofern bestand die traditionsbedingte Erwartungshaltung, dass kirchliches Leben vom Pfarramt vorzugeben war und sich im Wesentlichen auf Gottesdienste, Kasualien und Konfirmanden-unterricht beschränkte.

Einzige Neuerung, die schon 1968/69 möglich war: Es konnte eine intensive Kinderarbeit begonnen werden, für die offensichtlicher Bedarf bestand. Geleitet wurde sie von meiner Frau und Marlies Dobers (später langjährige Organistin), die beide aus der Kindergarten-praxis kamen. Die Kindergruppen- und Jungschararbeit entwickelte sich so stark, dass sie den Anstoß zum ebenfalls von diesen beiden Frauen betreuten kommunalen Kinderspielkreis der späteren Jahre gab, aus dem am Ende der heutige kommunale Kindergarten hervorging.

Die Siebziger Jahre

Dieses Jahrzehnt war, in der Rückschau betrachtet, durch das wachsende Bewusstsein in der Gemeinde geprägt, dass kirchliche Gemeindearbeit auf eine viel breitere Basis gestellt werden kann und dass dabei ein starkes Hineinwachsen ins dörfliche Ortsleben möglich ist und Sinn macht. So kam es in kurzer Abfolge zu vielen neuen Akzenten.

Gleich nach Erlass des Diakoniegesetzes der Braunschweiger Landeskirche 1970 wurde der Emmerstedter Gemeinde-Diakonieausschuss gegründet. Er wurde mit dem Besuchsdienst verbunden, wobei dieser wie die gesamte immer vielfältiger entwickelte diakonische Aus-schussarbeit kirchenübergreifend auf die Ortseinwohnerschaft insgesamt ausgerichtet war.

   Im Winter 1970/71 wurde mit der Arbeit am „Emmerstedter Gemeindebrief“ begonnen, der auch jetzt, nach fast einem halben Jahrhundert, noch erscheint. Er war von Anfang an nach dem Ortszeitschrift-Prinzip angelegt und hat über die Jahrzehnte hin von der Eigen-initiative der jeweiligen Redaktionsmitglieder, der Kooperation mit der Kommune und der Mitarbeit der Vereine gelebt.

Ebenfalls im Winter 1970/71 starteten die „Emmerstedter Gespräche“, jährliche Diskussions-reihen über Zeitfragen und gesellschaftliche wie sozialethische Grundprobleme. Sie blieben, getragen von einem Vorbereitungskreis interessierter Gemeindemitglieder, während meiner gesamten Dienstzeit und z.T. noch darüberhinaus bestehen. Derzeit gibt es Neuansätze.

   1971 wurde die „Konfirmandenprüfung“ alten Stils abgeschafft und durch einen  von den Konfirmanden selbstgestalteten Vorstellungsgottesdienst mit Ausarbeitung eines umfangrei-chen Themas ersetzt. Der erarbeitete Gruppenvortrag wurde regelmäßig  als Fortsetzungs-text im „Emmerstedter Gemeindebrief“ veröffentlicht.

1972 wurde der Kirchenvorstand erstmalig in der Form einer öffentlich veranstalteten freien Wahl gewählt. Die Beteiligung war in Emmerstedt von Anfang an gut, am stärksten 1978 mit 19 Kandidaten für 6 Plätze.

Ebenfalls 1972 wurde mit der ersten Diamantenen Konfirmation in Emmerstedt die Tradition der Konfirmationsjubiläen begonnen, 1973 folgte die erste Goldkonfirmation. Später kam auch die Silberne hinzu. Und da viele Jahrgänge dazwischen nicht erfasst worden waren und der Kirchenvorstand gezielte Kirchenangebote gerade für die „mittleren“ Jahrgänge im Blick hatte, gab es auch eine 40-jährige, eine 30-jährige und einmal eine 35-jährige Konfirmation. Inzwischen sind Silberne, Goldene, Diamantene und Eiserne Konfirmation die Regel.

  1974 wurde der erste Waldgottesdienst im Lohen gefeiert, der ab 1975 jährlich zu Himmel-fahrt stattfand, in späteren Jahren gemeinsam mit Nachbargemeinden, dann auch im Wechsel in Grasleben oder Barmke.

Ebenfalls 1974 fand zusammen mit dem Gesangverein die erste Adventsmusik statt. Sie griff alte Ansätze aus der direkten Nachkriegszeit neu auf und entwickelte sich zu einer heute nicht mehr wegzudenkenden Dorftradition.

Zum 1.Advent 1975 kam die erste Emmerstedter Gemeindegruppenfahrt in die DDR-Partner-gemeinde Kürbitz/Weischlitz im Vogtland zustande. Aufbauend auf vorausgehende Pfarrer-begegnungen schon ab 1969, entstand so in der Grauzone zwischen„erlaubt“ und„verboten“ eine echte Gemeindepartnerschaft. In ihrem Rahmen gelang es 1976, zwei Register und den Zimbelstern für die Kürbitzer Kirchenorgel beizusteuern, im Laufe regelmäßiger Besuche für jede Kirchenvorstandsfamilie eine Partnerschaft auf der anderen Seite zu vermitteln und während der gesamten Achtziger Jahre sogar gemeinsame Gemeindefreizeiten in Ungarn am Plattensee zu organisieren, an denen regelmäßig bis zu  30-35 Personen teilnahmen. Die Emmerstedter Partnergemeindearbeit, vom Diakonieausschuss getragen, wurde stets mit großer Vorsicht bewerkstelligt, um Probleme mit DDR-Behörden zu umgehen. Sie galt als Vorbild innerhalb der Landeskirche, die vom Diakonischen Werk mit unserer Beteiligung über ein Jahrzehnt regelmäßige Partnerschafts-Seminare durchführen ließ.

Die Achtziger Jahre

Schwerpunkt dieses Jahrzehnts war zunächst die große Kirchenrenovierung. Sie wurde in den Jahren 1980-86 mit viel Eigenhilfe und großer Unterstützung durch Arbeitseinsätze örtlicher Vereine und Firmen bewerkstelligt. Hierfür sorgte in besonderem Maße der stellv. Kirchenvorstandsvorsitzende Kurt Zeltner, selbst stark in mehreren Vereinen engagiert. Besondere bauliche Veränderungen waren die Herausnahme der (fensterverdeckenden) Seitenemporen, Ersetzung des alten Steinfußbodens durch Holzpflasterboden, Schaffung einer großen Orgelempore, um Musikaufführungen u.ä. zu ermöglichen, neues Gestühl statt der Bänke und eine neue Farbgebung, die von der Altarwand, dem erhalten gebliebenen zentralen Blickfang der Kirche, bestimmt wurde.

Zur Mitfinanzierung wurde 1983 das erste große , zweitägige Gemeindefest mit Basar gefeiert, mit einem Reinerlös von 11 700 DM.Dies war der Beginn der bis in die Gegenwart reichenden Gemeindefesttradition. Und zugleich war es das erste regelmäßig stattfindende Dorffest neben dem Schützenfest. Schon 1984 folgte das erste Fest des Heimatkreises, aus dem sich die Museumsfeste entwickelt haben. Und auch andere Vereine begründeten nach und nach eigene neue Festtraditionen. – Die stets hohen Erlöse der Kirchengemeindefeste kamen vom Kirchenvorstand beschlossenen gemeinschaftsdienlichen Zwecken zugute, so nach der Kirchenrenovierung der Anschaffung des großen Gemeindezelts, oder auch der Ausstattung des zu gründenden Posaunenchors mit Instrumenten.

Innerhalb des Kirchenfestes 1984 fand erstmalig ein Plattdeutscher Gottesdienst statt, der ebenfalls zur festen jährlichen Einrichtung der Gemeinde wurde, in späterer Zeit als kirchliche Veranstaltung im Rahmen des Museumsfests (so gerade kürzlich im September 2018). Mit Plattdeutschen Gottesdiensten wurden oft samt Chor auch andere Gemeinden mitversorgt, so ein volles Jahrzehnt lang der Dom in Königslutter zum Erntedank op Platt.

   Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt der Achtziger Jahre war das große Dorfjubiläum von 1986. An ihm hatte die Kirchengemeinde wesentlichen Anteil. War doch in die 800-Jahrfeier des Dorfes zugleich das 150-jährige Gedenken an die Grundsteinlegung der (neuen) St.Petri-Kirche eingebunden, eine Szene, die die kirchlichen Mitarbeiter und die Konfirmanden auch im Historischen Festumzug am 29.06.1986 darstellten. Aber bereits die Übersetzung und das wissenschaftliche Gutachten zur dem Dorfjubiläum zugrundeliegenden Urkunde des Halber-städter Bischofs Dietrich von 1186 erfolgte durch meinen Schwager, den Pfarrer und Fach- historiker Walter Baumann,der auch den geschichtlichen Festvortrag beim Festakt am 9.April hielt, dem genauen Jahrestag der Urkunde. –  Ebenso hatte schon die Federführung für die Emmerstedter Jubiläumsschrift 1986 bei der Kirchengemeinde gelegen.

Zum 150-jährigen Kirchenjubiläum am 31.08.1986 kam der damalige Landesbischof Prof.Ger-hard Müller nach Emmerstedt und hielt die Festpredigt. – Die allen Emmerstedter Vereinen und Organisationen gestellte Aufgabe, eine besondere Veranstaltung zum Festjahr beizutra-gen, wurde von der Kirchengemeinde außer diesem Kirchbaujubiläum durch die erstmalige Gestaltung der Osternacht eingelöst. Auch dieser Brauch hat sich seither zur festen jährlichen Grundtradition entwickelt.

Die Achtziger Jahre wurden zudem dadurch mitgeprägt, dass der Pfarrstelleninhaber in die Vikarsausbildung der Landeskirche eingebunden wurde. Beginnend 1983 mit Paul-Arthur Hennecke, dem späteren Pfarrer von Grasleben, haben während meiner Dienstzeit insge-samt 5 Vikare ihre Ausbildung in der St.Petri-Gemeinde Emmerstedt durchlaufen.

  In der Konfirmandenarbeit begannen als Unterrichtsergänzung die regelmäßigen Konfir-mandenfreizeiten , meist im Naturfreundeheim Badenhausen/Harz.

Dem Vikar Harry Kern ist die Gründung des Posaunenchors zu danken, seiner Frau die des Flötenkreises, aus dem die „Fleutchepiepers“ hervorgingen.

1988 kam es zum plötzlichen Herztod des Ortsbürgermeisters (und Kirchenvorstehers) Edgar Dillner.Dessen Aufgabe wurde auf Grund der besonderen Situation im Emmerstedter Ortsrat nach dem Willen beider Fraktionen von mir übernommen. Zuvor hatte ich dem alten Gemeinderat ab 1972 und nach der Eingemeindung in die Stadt Helmstedt seit 1974 durchgehend dem Ortsrat angehört. Die Doppelfunktion als Pfarrer und Bürgermeister wurde auch von der Kirchenregierung nach anfänglichem Zögern ausdrücklich genehmigt.  Fürsprache kam vor allem vom Bischof und vom für die Gemeindearbeit zuständigen Oberlandeskirchenrat Becker. Die Emmerstedter Sondersituation hatte sich konsequent aus der kirchengemeindeübergreifenden Integrationsarbeit für das Dorf ergeben.

  Ein besonderes Kapitel z.T. schon der Siebziger, vor allem aber der Achtziger Jahre sind die regelmäßigen Ausstellungen der Kirchengemeinde für den schwerbehinderten Emmer-stedter Künstler Otto Pietzak (1924-1989). Insbesondere seine sozialkritischen und religiösen Motive entfalteten eine ungewöhnlich große Wirkung auch nach  außerhalb. Der Kirchen-gemeinde gelangen dadurch öffentlich stark beachtete Ausstellungen bis hin zum Braun-schweiger Dom (1986) und zur Seniorenuniversität Warschau (Mai 1989). Am 04.09.1989 starb Otto Pietzak und wurde auf dem Emmerstedter Friedhof begraben.

Die Neunziger Jahre

Die Grenzöffnung von 1989 setzte völlig neue Entwicklungen frei, die sich auch auf die Gemeindearbeit in Emmerstedt auswirkten. Die bisher in der Grauzone verbliebene Kirchen- partnerschaft mit dem Vogtland konnte nun völlig offen praktiziert werden. Sie brachte Höhepunkte durch intensive Gegenbesuche auf Gemeindeebene sowie durch eine unvergessliche Gottesdienst- und Konzertreise des Emmerstedter Gesangvereins, der Kirchengemeinde und des Jugendchors „Cantores minores“ exakt zum 30.06./01.07.1990, dem „Währungswochenende“, an dem die beiden Gemeinden auf diese Weise einen ganz eigenen, tiefgründigen Akzent gesetzt haben.

Als schöner neuer Kontakt kam der Oschersleber Lehrerchor zum „Dreikönigssingen“ in St.Petri und blieb auch durch spätere Konzertbesuche eng verbunden. Ähnliches gilt für die „Amici musicae“ aus Leipzig, die aus dem Umfeld des Thomanerchors kamen.  Die Kirchen-musik in Emmerstedt profitierte ungemein von der Möglichkeit solcher neuer Ostkontakte.

    Nachdem schon vor der  „Wende“ Paketaktionen nach Siebenbürgen/Rumänien gelaufen waren, kam es 1991 zum Jugendchor-Besuch und Konzertgottesdienst mit Pfarrer Dr.Weiß aus Kelling sowie zum Gegenbesuch der „Cantores minores“ in Siebenbürgen. Regelmäßige Urlaubsvertretungen als Pfarrer führten mich zu immer stärkeren Verbindungen in die rumä-niendeutschen Gemeinden. Aus ihnen entwickelten sich unter Mithilfe der Übersiedler-Familie Heitz von Orastie/Broos nach Emmerstedt regelmäßige Hilfstransporte. Im Laufe der Neunziger Jahre wurden es über 80 LKW-Ladungen vor allem nach Broos, die von der dortigen rumäniendeutschen Kirchengemeinde an die Bevölkerung sowie an Krankenhäuser verteilt wurden (darunter mehrere Hundert gebrauchte Krankenbetten aus Helmstedter und Braunschweiger Kliniken). Eine unschätzbare Hilfe dabei waren Frührentner aus Emmerstedt und Umgebung, sowohl beim Laden, als auch beim Transport.

Aus dieser ursprünglich vom Gemeinde-Diakonieausschuss initiierten Arbeit hat sich langfristig die Städtepartnerschaft Helmstedt /Orastie (Broos) entwickelt. Diese wird nach meiner Zeit jetzt vom Emmerstedter Ortsbürgermeister Schünemann als Helmstedter Städtebeauftragtem betreut, unter Einbindung seines Arbeitersamariterbunds.

  Die Neunziger Jahre waren in St.Petri im Übrigen gleich zu Beginn durch die Aufhängung des letzten Lebenswerks von Otto Pietzak in der Kirche geprägt: der 14 Bilder des „Emmerstedter Kreuzwegs“. Über diesen hat der Konfirmandenjahrgang 1990 seinen Vorstellungsgottesdienst gestaltet. Der Text liegt jetzt mitsamt den Bildern in einem gedruckten Heft vor.

Im Jugendbereich ist dem Vikar Peter Wieboldt die Gründung der ersten Jugend-Band „Chaos“ im Pfarrhaus-Keller zu verdanken, ein weiterer Impuls zur schon bestehenden Jugendarbeit  und Keimzelle zu bis heute reichenden Aktivitäten auf diesem Gebiet. Auch mehrere Jugendgottesdienste wurden auf diese Weise gestaltet und Freizeiten organisiert. Und in der Zeit, als der Ort durch die Diskussion um den „Tagebau Emmerstedt“ verunsichert wurde, gab es von den Band-Musikern den breit unterstützten „Rock gegen den Tagebau“.

     Auch der Ausbau der Gruppenarbeit im Mutter/Kind-Bereich war prägend für diese Jahre. Dabei war die Eigeninitiative der jeweiligen Mütter durchgehend wichtig.

     Dem Nachlassen des in früheren Generationen selbstverständlichen Gottesdienstbesuchs wurde versucht, durch das regelmäßige Angebot „Besonderer Gottesdienst“ Rechnung zu tragen. Hierzu zählten monatlich die „Musikalischen Abendgottesdienste“ wie auch Themengottesdienste. Die Grundregel des Kirchenvorstands hieß: „Früher brauchten die Menschen einen Grund, nicht zur Kirche zu gehen; heute brauchen sie einen Grund, um hinzugehen!“   

Das Ende der Neunziger Jahre war dann bereits durch den Kampf um den Pfarrhaus-Ausbau bestimmt. Das ursprüngliche Konzept hieß über ein ganzes Jahrzehnt: Neubau eines Gemeindezentrums auf dem Kirchberg!  Dies scheiterte an der Landeskirche. Wenigstens dem Ausbau eines neuen, großen Gemeindesaals am alten Standort wurde nach langem Ringen  und schriftlichen Eingaben aller Gemeindegruppen schließlich stattgegeben. Dieser  nervenaufreibende Kampf prägte meine letzten Dienstjahre.

Zum 01.02.2001 endete meine Amtszeit von über drei Jahrzehnten an St.Petri Emmerstedt mit  dem Abschiedsgottesdienst vom 27.Januar 2001.

Zum Dank verpflichtet fühle ich mich in der Rückschau unzähligen Gemeindemitgliedern, engen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Abschließend nennen möchte ich neben denen, die bereits im Text mit ihren Beiträgen zum Gemeindeleben aufgeführt wurden, noch wenige Namen, bei denen mir die Zusammenarbeit über die Dauer der langen Jahrzehnte hin  immer unverzichtbar war.  Das gilt für Marlies Zeltner als Rechnungs- , Kartei- und Protokollführerin der Kirchengemeinde, Emma und Alfred Gröbke als Küsterehepaar über 30 Jahre hin, Ursula Gröbke in der gleichen Zeit als Helferin im Gemeindezentrum, Herbert Hammer, Hans Flemming und Hansjürgen Dobers als Gründungsmitglieder und Vorsitzende in der Geschichte des Diakonieausschusses, der Letztere zugleich als Pfarramtssekretär, Inge Krumpelt für die Frauenhilfe sowie Peter Engel mit  40-jähriger Kirchenvorstandszeit.   

       d.14.11.2018                                                                (Pfarrer.i.R.  Dr.Eckehart Beichler)   

2018 Bericht des Ortsheimatpflegers Gerhard Kaminski